Beziehungsweise

Der Frühling hält langsam Einzug. Auch wenn der heutige Tag eher etwas gräulich ist, mit einer hellgrauen Wolldecke über dem Dorf. Es ist still, keine Autos in den engen Sträßchen, nicht einmal auf der Hauptstraße. Nur ein paar aufgedrehte Spatzen turnen durch Brunos Garten. Duna döst noch vor sich hin, das macht sie fast immer nach dem Frühstück, so ist ihr Tagesablauf halt. Stille. Ruhe?

In solchen Momenten, ohne Termine, ohne Pläne, ziehen dann doch wieder die Jahrzehnte aus dem Gedächtnis vorbei. Sabine, Claudia, Barbara, Maria, Iris, Birgit, Ende im Gegenwärtigen. Was noch vor wenigen Jahren erstrebenswert erschien, eine Beziehung, ein true companion, ein Gegenstück, eine Ergänzung, ein Spiegel, hat seinen Reiz verloren. Ist überflüssig geworden. Wäre nur eine Last, eine ständige Herausforderung, wenn nicht Überforderung. Bin ich irgendwann zu statisch geworden für solche Geschichten? Wäre es nicht schöner, morgens neben jemandem aufzuwachen, mit ihm zu frühstücken, sich auszutauschen? Zuerst war ich geradezu erstaunt über mich selbst, als auf den Gedanken Beziehung die innere Antwort lautete: eher nicht. Doch mir erschloss sich zuerst nicht, wohin der Wunsch entkommen war, wohin er sich verflüchtigt hatte. Die Antwort versteckte sich im Badezimmer.

Mein BMI liegt deutlich unter normal, meine Gehgeschwindigkeit ist hoch. Doch der Verfall lässt sich nicht leugnen. Die Haut um die Augen und am Kinn wird schlaffer, manchmal vergesse ich Namen und grabe verzweifelt in meinem Gedächtnis, bis sie mir auf der Hunderunde zwischen Bäckerei und der Grundschule wieder aus dem Nichts einfallen. Tessa, zum Beispiel, der Dalmi eines früheren Kommilitonen. Die andere Seite ist, dass die Aufmerksamkeit für Details, Abweichungen, Schludrigkeiten immer feinsinniger wird. Doch mit dem eigenen Verfall, dem Schwund an Attraktivität, wächst die Selbstkritik. Auch an der eigenen, zunehmenden Fehlerhaftigkeit. Möchte ich mich so noch jemandem zumuten?

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