Freiheit durch Grenzen

Das Dorf. Ein Synonym für Begrenztheit, Rückständigkeit, Beschränktheit, Muffigkeit, beobachtet von den Nachbarn. Der Vorteil des Dorfes ist: Jeder kennt einen. Der Nachteil des Dorfes ist: Jeder kennt einen. So waren auch meine Vorstellungen, denn weder Paderborn-Sande noch Nienhagen, meine früheren Wohnorte, waren Dörfer. Wewelsburg ist Dorf. Im Dorf wird gegrüßt. Im Dorf wird Müll vor der Haustür aufgehoben, auch wenn man ihn nicht selbst verursacht hat. Im Dorf werden Hundehäufchen mitgenommen. Nicht immer, aber meistens. Wenn Leute nicht grüßen, die Häufchen liegen lassen oder ihren Müll irgendwo hinwerfen, sind sie nicht aus dem Dorf. Das Dorf hat keinen guten Ruf. Bei denen, die nicht auf dem Dorf wohnen. Doch ich glaube, ich möchte gar nicht mehr in der Stadt wohnen. Seit ich auf dem Dorf wohne.

Es stimmt fast nichts von den Vorwürfen. Vor meiner Haustür liegt Glasfaser. Nirgendwo sehe ich so viele Elektroautos wie hier im Dorf, weil wir eine Hochstrom-Ladestation auf dem Burgplatz haben. Neuerdings stehen an vielen Häusern Gerüste, weil viel Photovoltaik installiert wird, in den letzten Jahren. Hier im  Dorf. Und doch bleibt das Dorf Dorf. Was das Dorf ausmacht, ist seine Begrenztheit. In der Stadt muss man meistens lange laufen oder fahren, um die Stadt zu verlassen. Hier im Dorf reichen einige Minuten zu Fuß. Dazu gehört dieses Dorf nur sich allein. Nur Wewelsburg ist Wewelsburg, wenn man in Wewelsburg wohnt, hat man mit Ahden oder Brenken nichts zu tun. Schon gar nicht mit Salzkotten. Paderborn ist ganz weit weg, was will man dort auch schon, was man hier nicht hat.

In der näheren Umgebung unseres Hauses gibt es fünf Höfe. Den seltsamsten hat Bruno, der an manchen Tagen nicht aufsteht, die Rollläden sind dann noch mittags unten. Ist er auf, steht er mit seinem Kaffeepott an der Straße und redet mit den Katzen. Roland Schulte gegenüber ist ein ganz Ordentlicher. Fährt ein Elektroauto und hat die meisten Photovoltaikpanele auf dem Dach. Die Kinder müssen immer den Hof fegen, mit seinen Treckern scheint er öfter durch eine Waschanlage zu fahren. Frau Brüggemann wohnt am Ende des Dorfes nach Niederntudorf raus im Ahornweg und bedient am Montag und Dienstag in der Bäckerei Grundmann. Hat ein wunderschönes Haus, mit Balken aus Buche und roten Ziegeln. Die Küsterin von St. Jodokus ist in Wewelsburg geboren, aber ihr Autokennzeichen ist aus Rottweil. Der evangelische Pastor hat den gleichen Nachnamen wie die Frau meines Sohnes vor der Heirat, sind aber nicht verwandt. Der Schürenberg heißt eigentlich Schrottiberg, weil oben am Ende zwei Häuser mit Unmengen Metallschrott liegen. Eine Schande fürs Dorf. Sagen einige.

Das Geheimnis des Dorfes liegt in seiner Begrenztheit. Die Grenzen sind immer nah, das Dorf umgibt einen wie ein warmer, dicker Mantel. Man ist nie wirklich alleine, außer vielleicht am Sonntagmorgen vor acht, immer ist jemand unterwegs, wird irgendwo gesägt, gefegt oder geschraubt. Ich treffe Thomas mit seinen Hunden, die alte Frau mit dem alten Hund aus dem Knick. Nichts ist fremd. Alles ist mittlerweile vertraut. Aus dieser Sicherheit zieht das Dorf seine Freiheit. So werden die Grenzen zur Freiheit. Freiheit geht nicht ohne Grenzen. Wie im Dorf.

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