Großstadt

Einmal in der Woche, meistens am Samstagmorgen, fahren wir in die Stadt. Nur dort in diesem Laden an der Detmolder Straße, vor dem der große gelbe Hund steht, auf dem ein Schild das Hinaufklettern verbietet, gibt es Dunas Futter. Sie bestellen es extra für uns, 14 Dosen in der Woche, noch ein Stick extra geht mit, weil Duna nach einem Einkaufen eine Belohnung fürs Warten einfordert. Ich werde im Laden immer freundlich begrüßt, seit über einem Jahr geht das so, man kennt mich mit Namen. Stammkunde. „Ist noch genug da, Herr Böttchers, sonst gehe ich eben ins Lager?“ Ein Kissen für Dunas neues Bürokörbchen brauche ich noch. Es gibt heute 10% Rabatt, die Gutscheine bekomme ich aus der Zentrale zugeschickt. Doch gestern fiel mir zum ersten Mal auf, dass mich diese Ausflüge nervös machen, dass sich eine innere Unruhe einstellt. Eine gewisse Anspannung macht sich breit. Es war ein grauer und regnerischer Tag. Eher ein Muss als ein Wollen. Noch eben in die Mühlenstraße zum Marktplatz, Kaffee und Zucker für den nächsten Mittwoch vorbei bringen. Das Körbchen abstellen. Es gibt für mich wieder ein Büro, eine Pflicht, eine Schnittstelle zu anderen Menschen, ein Zentrum außerhalb der eigenen Wohnung. Gut so.

Irgendwie wühlte es in mir, als wir wieder auf die Schnellstraße abbogen, raus aus der Stadt. Ab dann kam keine Ampel mehr, mal ein Kreisverkehr, mal eine Vorfahrtsstraße. Mehr nicht. Nonstop zurück nach Hause. Menschen aus Hamburg oder Berlin würden Paderborn höchstens als eine Großstadt aus numerischen Gründen zulassen. Und doch ist es dort voll, dicht, die Straßen manchmal verstopft, schon wegen der Baustelle auf der Bahnhofstraße, an der neuen Brücke. Nach dem Abbiegen von der Schnellstraße, dem Autobahnzubringer, den Heinz Nixdorf gefordert und bekommen hat, sind nicht mehr viele Autos unterwegs. Stattdessen geht es zwischen Bäumen und Holzlagern weiter, die Straße ist kurvig und teils schmal, bis ins Dorf. Durch die Kurve im Almehang maximal im zweiten Gang. Hier im Dorf sind die Häuser höchstens zweistöckig, nur die Schule etwas höher, die Burg natürlich und St. Jodokus. Thomas kommt gerade mit Ben und Jeannie aus dem Almetal zurück, von der Hundirunde. Jeannie geht es nicht gut, sie hat einen Bandscheibenvorfall, man merkt Thomas den Kummer an. Die Küsterin ist auf ihrem Fahrrad auf dem Weg, wahrscheinlich zum Friedhof. Wenn ich mit Duna die Dorfrunde mache, heißt es oft „Guten Tag“ oder „Guten Abend“. Man grüßt sich hier, Leute, die nicht grüßen, sind hier nicht zuhause. In Paderborn grüßt man nur Leute, die man kennt. Wie den Bischof. Oder Eugen Drewermann. Oder Erwin Grosche.

Als ich weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich zum Landei werde. Auch an diesem Morgen, ein Sonntag, nur ein paar Vögel zwitschern, ansonsten Stille und Geruhsamkeit, ist mir das Dorf der liebste Ort. Jahrzehnte lang war Paderborn mein Zuhause. Der Lärm, die Unruhe, die Betriebsamkeit normal. Jetzt, wo ich nicht mehr so schnell bin, ist das Dorf der rechte Ort. Mir fehlt der Uhrenschlag vom Kirchturm, wenn er um 21 Uhr das letzte Mal zu hören war. Hier, zwischen den uralten Natursteinmauern, sieht man sich noch gegenseitig, ist man ein Wesen, nicht ein Zufall. Das Dorf ist Balsam für die Seele, still, aber nicht tot, langsam, weil behutsam, begrenzt, aber nur als Menschenwerk. Es ist zugleich ein Zwiespalt, wie mein Leben es immer war. Die Ruhe und Gelassenheit hier, das tosende Leben dort. Die Wahl fällt schwer, doch das Dorf setzt sich immer mehr durch. Nur eins nervt: der fehlende Einstellplatz für mein Auto.

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