SplintersDie Grenze durchbrechen

Aus: »101 Essays, die Dein Leben verändern werden« | Brianna Wiest

Wieder so ein feuchter, kalter, wolkenverhangener Tag im November. Keine guten Tage, gerade nach einer Nacht mit Träumen, die sich gefühlt über die Länge eines Teils der Herr der Ringe-Trilogie hin ziehen. Gefolgt von einem Erwachen mit einem Kater, der seine Ursachen nicht in geistigen Getränken hat. Manchmal spinnen solche Träume den Löwenanteil meines Lebens weiter. Wie die Fragen nach dem Sollen, Wollen und Dürfen. Eben Fragen nach der Autonomie, nach den Schranken und Grenzen, die vor sehr langer Zeit gesetzt wurden. Und doch bis zum Ende des Lebens gelten werden.

Wenn meine Kindheit etwas in mir hinterlassen hat, ist es die ständige Auseinandersetzung mit den bohrenden Gedanken, ob ich zeigen, leben darf, was ich an Fähigkeiten und Begabungen bekommen habe. Wann immer ich ein Stück nach vorne gehe, wie in meinen Radiobeiträgen, beim Marktplatz Ehrenamt, gegenüber Nachbarn und selbst Unbekannten, steht sofort der mahnende Finger meiner Mutter vor mir. Der mich zurück ruft, maßregelt, mich wieder klein und unwichtig macht. So ziehe ich schnell innerlich den Kopf ein, gehe in die gebückte Haltung, die ich immer mit Skoliose erkläre. Es ist Skoliose, doch die hat ihre Ursachen nicht in einer schwachen Wirbelsäule oder ungünstigen Genen. Sie hat ihre Ursache in dem langen emotionalen Geprügel, der Angst vor dem schwarzen Mann, der mich aufgrund meiner angeblichen Untaten holen wird. Dass ich bei meinem Benehmen besser in ein Internat geschickt würde. Doch statt diese Dinge Jahrzehnte zurück liegen und abebben, werden sie immer drängender. Was hat sie sich damals dabei gedacht? Wahrscheinlich nichts. Das wäre eben damals so üblich gewesen, sagte sie mal beinahe beiläufig. Warum wurden dann meine Freunde zuhause von ihren Eltern geliebt und gefördert, statt andauernd drangsaliert?

Wie viele dieser grauen Tage noch vor mir liegen, ist momentan schwer abzuschätzen. Ich fürchte, sie enden niemals.

 

The donkey told the tiger: The grass is blue.
The tiger replied: No, the grass is green​.
The discussion became heated, and the two decided to submit the issue to arbitration, and to do so they approached the lion.
Before reaching the clearing in the forest where the lion was sitting on his throne, the donkey started screaming: "Your Highness, isn't it true that the grass is blue?"​
The lion replied: "True, the grass is blue"​.
The donkey rushed forward and continued: "The tiger disagrees with me and contradicts me and annoys me. Please punish him"​.
The king then declared: "The tiger will be punished with 5 years of silence"​.
The donkey jumped with joy and went on his way, content and repeating: "The grass is blue"​..
The tiger accepted his punishment, but he asked the lion: "Your Majesty, why have you punished me, after all, the grass is green?"​
The lion replied: "In fact, the grass is green"​.
The tiger asked: "So why do you punish me?"​
The lion replied: That has nothing to do with the question of whether the grass is blue or green. The punishment is because it is not possible for a brave, intelligent creature like you to waste time arguing with a donkey, and on top of that to come and bother me with that question. The worst waste of time is arguing with the fool and fanatic who doesn't care about truth or reality, but only the victory of his beliefs and illusions. Never waste time on discussions that make no sense. There are people who for all the evidence presented to them, do not have the ability to understand, and others who are blinded by ego, hatred and resentment, and the only thing that they want is to be right even if they aren’t. When ignorance screams, intelligence shuts up. Your peace and tranquility are worth more.

Aqualung, my friend don't you start away uneasy. You poor old sod, you see, it's only me

Aqualung, my friend don't you start away uneasy. You poor old sod, you see, it's only me

Seit einiger Zeit hat sich ein Obdachloser hier im Dorf niedergelassen. Oft streift er durch die Straßen, zieht einen dieser modernen Bollerwagen aus Zeltstoff und Stahlrohren hinter sich her. Darin seine Habseligkeiten, geschützt gegen die Unwägbarkeit der ostwestfälischen Wetters mit einer Plastikplane. Doch das Wägelchen ist nicht schmucklos, einige Papierfähnchen mit Schwarz-Rot-Gold zieren es. Mal sitzt der Mann an der Hütte im Almetal, mal auf der Bank vor der Volksbank, mal im Kräutergarten der Burg. Er ist freundlich, grüßt immer ausgiebig und strahlt sogar einen inneren Frieden aus. Manchmal erlaubt einer der Dorfbewohner ihm einen kleinen Plausch. Nie würde er stören oder unangenehm werden, eher zurückhaltend wirkt er. Er bettelt nicht. Vielleicht steckt ihm jemand dann und wann etwas zu.

Auf einer unserer letzten Runden am Abend saß er im kleinen Park auf der Bank. Es war ein eher warmer Abend. Wie immer grüßte er freundlich herüber. Und ich kam ins Nachdenken. All seine Habe passte in diesen kleinen Trolley. Ich dagegen lebe auf fast einhundert Quadratmetern, gefüllt mit Sofas und Teppichen aus Wolle und Seide, Schränke vollgestopft mit Backformen und Schreibutensilien, Regale voller Bücher, ein Bett mit einer Decke aus Merino-Wolle, Tische und Bänke aus massivem Eichenholz, von dem ganzen Zeugs in Kartons im Keller ganz zu schweigen. Was ist mit dem Leben dieses Mannes geschehen, wo hat er einmal, oder mehrmals, ein unpassendes Gleis genommen? Was waren die unguten Entscheidungen, seine Entscheidungen, die falschen Antworten? Oder die falschen Fragen? Im Vergleich zu ihm bin ich steinreich, im Vergleich zu Elon Musk bitterarm. Wo ist dann noch der richtige Standpunkt, der ein wahres Urteil zulässt?

Als ich heute Morgen so im Bett lag, Duna auf meinem Bauch, wie sie es neuerdings wieder tut, noch den Nachrichten lauschend, stellte sich der Begriff ein, nach dem ich lange gesucht hatte. Verbitterung. Das, was man ältlichen Damen nachsagt, die auch allein sind, die ihre Wurzeln im Dasein verloren haben. Keine Verbitterung gegenüber Gott, der Welt oder dem Universum. Sondern mir selbst gegenüber. Es nicht geschafft zu haben, den Weg in ein, wie man sagt, erfülltes Leben gefunden zu haben. Immer wieder falsch abgebogen, immer wieder dem Willen und den Einflüssen anderer Menschen gefolgt zu sein. Selten den Mut zu eigenen Wegen aufgebracht zu haben, einem Phantom nachjagend, imaginären Vorschriften gehorcht zu haben. Vorschriften, die in der Kindheit und Jugend eingeimpft wurden, mit der Androhung des Untergangs, wenn ich ihnen nicht folge. Nie gut genug zu sein, dann wieder zu anmaßend oder zu überheblich. Daran haben auch Jahre der Analyse und Therapie nichts geändert. Nur mein Herz wusste das immer.

Am meisten schmerzt, nicht den eigenen Gedanken und Gefühlen gefolgt zu sein. Zu wissen, etwas unscharf und undeutlich, mehr gefühlt als gewusst, dass die Wahl meiner Gefährtinnen immer die falsche war. Barbara, Maria, Birgit. Doch das Grundmuster ist heute klar. Ich suchte mir Frauen, die mir zuverlässig eins in die Zähne gaben, die mir bestätigten, dass meine Selbstzweifel durchaus berechtigt waren. Nicht einmal mir selbst gegenüber kann ich eingestehen, dass ich nicht so nutzlos und unfähig bin, wie sie es sagten. So lebe ich heute mit den Konsequenzen. Kinder, die mich nicht brauchen, Familie, die ich nicht brauche. Fülle den Tag mit Aktivitäten zweifelhafter Natur. Mit wenig Sinn und noch weniger Bedeutung. Kann immer noch nicht Nein sagen, auch wenn ich es besser weiß. Wende mich nicht den Menschen zu, die hilfreich und gut sind, in der Furcht, unangenehm aufzufallen oder ihnen zu nahe zu treten, sie zu belästigen. Die Krümel vom Tisch müssen reichen. Ein verqueres Leben, von dem nicht mehr ganz so viel übrig ist. Sehne mich nach einer Seele neben mir, an die ich mich beim Einschlafen anlehnen kann. Nicht für Sex, einfach für Nähe, die mir sagt, dass ich so, wie ich bin, gut genug bin.

Ich möchte nach Hause, nach Keswick oder Grasmere, Penmaen oder Petersfield, Broadway oder Coverack. Die Orte, die mir nur ganz allein gehören in dieser Geschichte.

 

“Most of us have small, sad places in our hearts. My father felt deeply but kept his feelings to himself. Or rather, being a writer, he let them escape in his writing. And so such sadnesses as there were put on cap and bells and emerged as Eeyore.” » C. R. Milne