Wenn ich an den Sommer 2020 zurück denke, an die Tage bei Sue und Garrath, waren es andere Zeiten. Ich konnte es gar nicht erwarten, am Morgen zu frühstücken und mich auf den Weg zu machen. Keine Strecke war zu lang, kein Hügel zu steil. Das Wetter war besser, doch ich erinnere mich, auch im dichten Nebel losgefahren zu sein. Was jetzt fehlt, ist diese Leichtigkeit von damals. Das verwunderte Schauen in die Landschaft, den englischen Geist einzuatmen, den Tag in Angriff zu nehmen und jede Minute hier zu genießen. Jetzt muss ich mich aufraffen zu den Dingen, die ich mir vorgenommen habe. Die Leere, das Angefressensein hat mich nicht losgelassen, es war kein Privileg des tatsächlichen Zuhauses. Es wurde konsequent mitgenommen hierher. Es folgt mir wie ein Fluch. Morgens liegt es mir wie Blei auf der Seele, das ich erst abschütteln muss, mich aufrichten, um los zu gehen. Was früher Nahrung für Geist und Körper war, ist jetzt Last. Mich verfolgen Schuldgefühle, dem Hund nicht mehr zu bieten, ihn nicht mehr zu beschäftigen. Weil es schwer fällt, schon mich selbst zu beschäftigen. Mit mir selbst zurecht zu kommen. Doch kam heute wenigstens eine kleine Erleichterung. Nämlich dass es keinen Weg heraus gibt, außer es zuzugeben. Das Wort nicht länger zu verleugnen. Altersdepression.

Morgenstimmung

Morgenstimmung

Jetzt hier in der zweiten Heimat, unterwegs auf den dichten und satten Weiden, umgeben von Fells und Dales, stellt sich so manche Frage wieder. Vielleicht nur mir, vielleicht auch nicht. Als ich mich vor ein paar Tagen auf den Weg machte, war es ein fast banges Gefühl, wie es nach bald zwei Jahren Abwesenheit von hier sein würde. Würde sich immer noch diese Vertrautheit zeigen, der Eindruck, dass diese Gegend etwas mit mir zu tun hat? Ist es  nur eine Einbildung, dass dieses Land ein Teil meiner Identität ist? Noch gerade habe ich bei Hamed Abdel-Samad gelesen, dass auch er mehrere Identitäten in sich fühlt, den Ägypter und den Deutschen, den Muslim und den Nicht-Mehr-Muslim. Je nachdem, in welcher Situation er gerade ist. Auch ich habe ein wenig das Gefühl, hierher zu gehören. Die Kultur, die Umgangsformen, das Übliche und Unübliche im Alltag ist ein Teil von mir. Auch wenn ich die Nordengländer manchmal schwer verstehe. Was aber den Leuten aus dem Süden dieses Landes ähnlich geht. So überfällt mich wieder die Frage, wer ich denn eigentlich bin.

Damals war ich etwas überrascht, als die Ergebnisse der Genanalyse eintrudelten. Die 55% Deutschland wunderten mich nicht, die 17% Osteuropa mit meinem Großvater aus Westpreußen auch nicht. Doch woher die 23% englischer Gene stammen, lässt sich familiär nicht klären. Oder meine Mutter spielt ein Spiel und rückt mit der Wahrheit nicht heraus. Bevor ich nach Ostwestfalen zurück kehrte, war ich mir meiner Identität ausgeprochen sicher. Seit ich wieder dort lebe, bin ich mir selbst verloren gegangen. So sehr ich versuche es festzumachen, entzieht es sich mit immer mehr. Es könnte der Austritt aus dem Berufsleben sein, der Eintritt von Duna in mein Leben, die mich nun bindet und in die Pflicht nimmt. Seit ich im Alten Hof wohne, sind meine Träume ungewöhnlich intensiv, lang und verwirrend geworden. Was mir fehlt, ist ein Blick in die Zukunft, oder nur ein Verständnis dafür. Was meine Zukunft überhaupt sein könnte, was werden könnte. Wäre eine Antwort das Hierbleiben, wäre es ein Kraftakt, dem ich mich nicht mehr gewachsen fühle. Irgendwann ist es für Entscheidungen wie Veränderungen tiefgehender Art zu spät.

Wir Menschen sind alle auf Augenhöhe. Niemand ist besser als andere. Warum auch? Es gibt auch keine Norm, wer besser wäre als jemand anderes. Hier sieht man schon: Okay, da stellt sich jemand selbst auf ein Podest oder wir stellen jemand anderen auf ein Podest. Das ist dann eine Red Flag. Sie zeigen sich dann in Form von Schuldzuweisungen oder Manipulation. Wenn man merkt, jemand manipuliert andere Menschen, um selbst zum Ziel zu kommen und man sich ständig rechtfertigen muss oder ständig unter Kritik steht. Denn wenn man Kritik erfährt, dann darf man sich auch fragen, ob dieser Mensch selbst eigentlich fehlerlos ist. Das ist niemand von uns. Wir alle haben Fehler. Und sobald jemand nur Kritik sucht, dann ist das meistens auch jemand, der mit sich selbst sehr hart ins Gericht geht. Das wiederum kommt auch von einem mangelnden Selbstwert. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir es uns dann gefallen lassen müssen. (Aus: stern.de, über toxische Beziehungen der Autorin Andrea Weidlich)

Doch woran erkennt man diese toxischen Beziehungen? An Schuldzuweisungen und Beckmesserei. Man würde zu viel Toilettenpapier verbrauchen, man brauche das Hundefutter nicht so klein zu  machen, man würde immer oder nie dieses oder jenes tun oder lassen. Wenn der neue Kaffeevollautomat nicht benutzt wird, weil die Gralshüterin ihn nicht selbst gekauft hat und lieber die Plörre aus der Pad-Maschine vorzieht. Wenn sie nicht die Entscheidung getroffen hat.  Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Seite ist uralt, sie stammt aus den Herabwürdigungen und Schuldzuweisungen aus der Kindheit. Von Müttern, die nicht lieben können, von Vätern, für die man nicht existiert. Oder erst, wenn man irgendeinen Nutzen hat, eine Daseinsberechtigung. Und so suchen wir weiter nach Bestätigungen, dass das alles wahr und richtig war. Suchen uns Partner, die die Geschichte weiter spinnen. Bis zu einem Punkt, an dem wir endlich aufgeben, Beziehungen vermeiden, die Kette an Verletzungen und Kränkungen abbrechen.

Das ist eine Vermeidung, keine Heilung. Es ist ein Rückzug, wohin auch immer. Eher die Einsamkeit und das Alleinsein zu ertragen als wieder und wieder herabqualifiziert zu werden. Trotzdem endet es damit nicht, sondern wühlt im Inneren weiter. Ständig auf der Suche nach dem, was man falsch gemacht oder gesagt hat, ob der und der Satz so richtig war. Ein andauerndes Infragestellen seiner selbst. So übernimmt man in Abwesenheit dieses toxischen Gegenübers dessen Rolle. Weil es ohne nicht geht. Weil das die Normalität ist, die beibehalten werden muss. Eine endlose Geschichte.