Wenn ich an den Sommer 2020 zurück denke, an die Tage bei Sue und Garrath, waren es andere Zeiten. Ich konnte es gar nicht erwarten, am Morgen zu frühstücken und mich auf den Weg zu machen. Keine Strecke war zu lang, kein Hügel zu steil. Das Wetter war besser, doch ich erinnere mich, auch im dichten Nebel losgefahren zu sein. Was jetzt fehlt, ist diese Leichtigkeit von damals. Das verwunderte Schauen in die Landschaft, den englischen Geist einzuatmen, den Tag in Angriff zu nehmen und jede Minute hier zu genießen. Jetzt muss ich mich aufraffen zu den Dingen, die ich mir vorgenommen habe. Die Leere, das Angefressensein hat mich nicht losgelassen, es war kein Privileg des tatsächlichen Zuhauses. Es wurde konsequent mitgenommen hierher. Es folgt mir wie ein Fluch. Morgens liegt es mir wie Blei auf der Seele, das ich erst abschütteln muss, mich aufrichten, um los zu gehen. Was früher Nahrung für Geist und Körper war, ist jetzt Last. Mich verfolgen Schuldgefühle, dem Hund nicht mehr zu bieten, ihn nicht mehr zu beschäftigen. Weil es schwer fällt, schon mich selbst zu beschäftigen. Mit mir selbst zurecht zu kommen. Doch kam heute wenigstens eine kleine Erleichterung. Nämlich dass es keinen Weg heraus gibt, außer es zuzugeben. Das Wort nicht länger zu verleugnen. Altersdepression.

Morgenstimmung

Morgenstimmung

Jetzt hier in der zweiten Heimat, unterwegs auf den dichten und satten Weiden, umgeben von Fells und Dales, stellt sich so manche Frage wieder. Vielleicht nur mir, vielleicht auch nicht. Als ich mich vor ein paar Tagen auf den Weg machte, war es ein fast banges Gefühl, wie es nach bald zwei Jahren Abwesenheit von hier sein würde. Würde sich immer noch diese Vertrautheit zeigen, der Eindruck, dass diese Gegend etwas mit mir zu tun hat? Ist es  nur eine Einbildung, dass dieses Land ein Teil meiner Identität ist? Noch gerade habe ich bei Hamed Abdel-Samad gelesen, dass auch er mehrere Identitäten in sich fühlt, den Ägypter und den Deutschen, den Muslim und den Nicht-Mehr-Muslim. Je nachdem, in welcher Situation er gerade ist. Auch ich habe ein wenig das Gefühl, hierher zu gehören. Die Kultur, die Umgangsformen, das Übliche und Unübliche im Alltag ist ein Teil von mir. Auch wenn ich die Nordengländer manchmal schwer verstehe. Was aber den Leuten aus dem Süden dieses Landes ähnlich geht. So überfällt mich wieder die Frage, wer ich denn eigentlich bin.

Damals war ich etwas überrascht, als die Ergebnisse der Genanalyse eintrudelten. Die 55% Deutschland wunderten mich nicht, die 17% Osteuropa mit meinem Großvater aus Westpreußen auch nicht. Doch woher die 23% englischer Gene stammen, lässt sich familiär nicht klären. Oder meine Mutter spielt ein Spiel und rückt mit der Wahrheit nicht heraus. Bevor ich nach Ostwestfalen zurück kehrte, war ich mir meiner Identität ausgeprochen sicher. Seit ich wieder dort lebe, bin ich mir selbst verloren gegangen. So sehr ich versuche es festzumachen, entzieht es sich mit immer mehr. Es könnte der Austritt aus dem Berufsleben sein, der Eintritt von Duna in mein Leben, die mich nun bindet und in die Pflicht nimmt. Seit ich im Alten Hof wohne, sind meine Träume ungewöhnlich intensiv, lang und verwirrend geworden. Was mir fehlt, ist ein Blick in die Zukunft, oder nur ein Verständnis dafür. Was meine Zukunft überhaupt sein könnte, was werden könnte. Wäre eine Antwort das Hierbleiben, wäre es ein Kraftakt, dem ich mich nicht mehr gewachsen fühle. Irgendwann ist es für Entscheidungen wie Veränderungen tiefgehender Art zu spät.

Wir Menschen sind alle auf Augenhöhe. Niemand ist besser als andere. Warum auch? Es gibt auch keine Norm, wer besser wäre als jemand anderes. Hier sieht man schon: Okay, da stellt sich jemand selbst auf ein Podest oder wir stellen jemand anderen auf ein Podest. Das ist dann eine Red Flag. Sie zeigen sich dann in Form von Schuldzuweisungen oder Manipulation. Wenn man merkt, jemand manipuliert andere Menschen, um selbst zum Ziel zu kommen und man sich ständig rechtfertigen muss oder ständig unter Kritik steht. Denn wenn man Kritik erfährt, dann darf man sich auch fragen, ob dieser Mensch selbst eigentlich fehlerlos ist. Das ist niemand von uns. Wir alle haben Fehler. Und sobald jemand nur Kritik sucht, dann ist das meistens auch jemand, der mit sich selbst sehr hart ins Gericht geht. Das wiederum kommt auch von einem mangelnden Selbstwert. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir es uns dann gefallen lassen müssen. (Aus: stern.de, über toxische Beziehungen der Autorin Andrea Weidlich)

Doch woran erkennt man diese toxischen Beziehungen? An Schuldzuweisungen und Beckmesserei. Man würde zu viel Toilettenpapier verbrauchen, man brauche das Hundefutter nicht so klein zu  machen, man würde immer oder nie dieses oder jenes tun oder lassen. Wenn der neue Kaffeevollautomat nicht benutzt wird, weil die Gralshüterin ihn nicht selbst gekauft hat und lieber die Plörre aus der Pad-Maschine vorzieht. Wenn sie nicht die Entscheidung getroffen hat.  Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Seite ist uralt, sie stammt aus den Herabwürdigungen und Schuldzuweisungen aus der Kindheit. Von Müttern, die nicht lieben können, von Vätern, für die man nicht existiert. Oder erst, wenn man irgendeinen Nutzen hat, eine Daseinsberechtigung. Und so suchen wir weiter nach Bestätigungen, dass das alles wahr und richtig war. Suchen uns Partner, die die Geschichte weiter spinnen. Bis zu einem Punkt, an dem wir endlich aufgeben, Beziehungen vermeiden, die Kette an Verletzungen und Kränkungen abbrechen.

Das ist eine Vermeidung, keine Heilung. Es ist ein Rückzug, wohin auch immer. Eher die Einsamkeit und das Alleinsein zu ertragen als wieder und wieder herabqualifiziert zu werden. Trotzdem endet es damit nicht, sondern wühlt im Inneren weiter. Ständig auf der Suche nach dem, was man falsch gemacht oder gesagt hat, ob der und der Satz so richtig war. Ein andauerndes Infragestellen seiner selbst. So übernimmt man in Abwesenheit dieses toxischen Gegenübers dessen Rolle. Weil es ohne nicht geht. Weil das die Normalität ist, die beibehalten werden muss. Eine endlose Geschichte.

Das Dorf. Ein Synonym für Begrenztheit, Rückständigkeit, Beschränktheit, Muffigkeit, beobachtet von den Nachbarn. Der Vorteil des Dorfes ist: Jeder kennt einen. Der Nachteil des Dorfes ist: Jeder kennt einen. So waren auch meine Vorstellungen, denn weder Paderborn-Sande noch Nienhagen, meine früheren Wohnorte, waren Dörfer. Wewelsburg ist Dorf. Im Dorf wird gegrüßt. Im Dorf wird Müll vor der Haustür aufgehoben, auch wenn man ihn nicht selbst verursacht hat. Im Dorf werden Hundehäufchen mitgenommen. Nicht immer, aber meistens. Wenn Leute nicht grüßen, die Häufchen liegen lassen oder ihren Müll irgendwo hinwerfen, sind sie nicht aus dem Dorf. Das Dorf hat keinen guten Ruf. Bei denen, die nicht auf dem Dorf wohnen. Doch ich glaube, ich möchte gar nicht mehr in der Stadt wohnen. Seit ich auf dem Dorf wohne.

Es stimmt fast nichts von den Vorwürfen. Vor meiner Haustür liegt Glasfaser. Nirgendwo sehe ich so viele Elektroautos wie hier im Dorf, weil wir eine Hochstrom-Ladestation auf dem Burgplatz haben. Neuerdings stehen an vielen Häusern Gerüste, weil viel Photovoltaik installiert wird, in den letzten Jahren. Hier im  Dorf. Und doch bleibt das Dorf Dorf. Was das Dorf ausmacht, ist seine Begrenztheit. In der Stadt muss man meistens lange laufen oder fahren, um die Stadt zu verlassen. Hier im Dorf reichen einige Minuten zu Fuß. Dazu gehört dieses Dorf nur sich allein. Nur Wewelsburg ist Wewelsburg, wenn man in Wewelsburg wohnt, hat man mit Ahden oder Brenken nichts zu tun. Schon gar nicht mit Salzkotten. Paderborn ist ganz weit weg, was will man dort auch schon, was man hier nicht hat.

In der näheren Umgebung unseres Hauses gibt es fünf Höfe. Den seltsamsten hat Bruno, der an manchen Tagen nicht aufsteht, die Rollläden sind dann noch mittags unten. Ist er auf, steht er mit seinem Kaffeepott an der Straße und redet mit den Katzen. Roland Schulte gegenüber ist ein ganz Ordentlicher. Fährt ein Elektroauto und hat die meisten Photovoltaikpanele auf dem Dach. Die Kinder müssen immer den Hof fegen, mit seinen Treckern scheint er öfter durch eine Waschanlage zu fahren. Frau Brüggemann wohnt am Ende des Dorfes nach Niederntudorf raus im Ahornweg und bedient am Montag und Dienstag in der Bäckerei Grundmann. Hat ein wunderschönes Haus, mit Balken aus Buche und roten Ziegeln. Die Küsterin von St. Jodokus ist in Wewelsburg geboren, aber ihr Autokennzeichen ist aus Rottweil. Der evangelische Pastor hat den gleichen Nachnamen wie die Frau meines Sohnes vor der Heirat, sind aber nicht verwandt. Der Schürenberg heißt eigentlich Schrottiberg, weil oben am Ende zwei Häuser mit Unmengen Metallschrott liegen. Eine Schande fürs Dorf. Sagen einige.

Das Geheimnis des Dorfes liegt in seiner Begrenztheit. Die Grenzen sind immer nah, das Dorf umgibt einen wie ein warmer, dicker Mantel. Man ist nie wirklich alleine, außer vielleicht am Sonntagmorgen vor acht, immer ist jemand unterwegs, wird irgendwo gesägt, gefegt oder geschraubt. Ich treffe Thomas mit seinen Hunden, die alte Frau mit dem alten Hund aus dem Knick. Nichts ist fremd. Alles ist mittlerweile vertraut. Aus dieser Sicherheit zieht das Dorf seine Freiheit. So werden die Grenzen zur Freiheit. Freiheit geht nicht ohne Grenzen. Wie im Dorf.

Manchmal träume ich schwer und dann denk‘ ich es wär‘
Zeit zu bleiben und nun was ganz And’res zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar,
Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war. (Hannes Wader)

Woher diese Ruhelosigkeit? Warum die ständige Suche nach einem endgültigen Halt, einer letzten Heimat? Es wird viel gebaut in Paderborn, alte Häuser verschwinden, immer mehr neue entstehen. So auch in der Fürstenallee, die ich seit meinen ersten Tagen in der Stadt so gut kannte. Wo würde ich mit Duna meine Runden drehen, wenn ich in so einem neuen Haus wohnen würde? Wäre das ein Zuhause, diese Straße, die für meinen Anfang in der Stadt steht? Dabei ignorierend, dass ich mir diese Mieten dort nicht leisten könnte.

Wenn ich an Zuhause denke, dann kommen andere Bilder. Mulberry Hill in Penmaen in Südwales. Die Lowerfield Farm in den Cotswolds, Churchill Guest House in Dover, in dem ich seit den Achtzigern unzählige Male geschlafen habe, meistens im winzigen Blenheim. Als ich heute durch die Fürstenallee fuhr, um für die kommende Woche Dunas Futter zu holen, kam in mir das Gefühl auf, dass Wewelsburg nicht der letzte Ort sein wird. Mir kam sogar schon der Gedanke, ob es eben nicht zu spät ist, mir ein Zuhause auf der großen Insel zu suchen. Doch noch den Schritt zu wagen. Ich habe nie begriffen, woher diese Unbeständigkeit in mir stammt. Was mich immer wieder in Gedanken, und Taten, von hier nach dort führt. Außer der Erkenntnis, dass nichts bleibt, wie es war.

Dürfen wir eigentlich sein, was wir wirklich sind? Dürfen wir sichtbar machen, wer wir sind und wofür wir stehen? Nicht die politische Überzeugung ist gemeint, oder was man so als Haltung bezeichnet. Mehr Fähigkeiten, Stärken, Schwächen und Fehlstellen sind Thema. „Don’t be so bold“, sagte die Mutter zum kindlichen Protagonisten Pink, in Pink Floyd’s The Wall.  Lasse Deine Stärken und Fähigkeiten nicht sichtbar werden, damit du nicht heller strahlst als ich, war, was sie meinte. Keine Gedankensplitter, sondern eine existenzielle Frage in meinem Leben. Aber die Wurzeln sind die gleichen. Diese Frage zieht die nächste nach sich. Muss ich mich klein und unsichtbar machen, damit ich neben den anderen Kerzen existieren darf? Wenn diese eventuell nur Nebelkerzen sind, die viel Qualm verbreiten, ohne wirklich etwas zum Leben beigetragen zu haben. Fragen über Fragen. Was sind denn überhaupt meine Stärken, wenn sie mir nicht ausgeredet wurden, wenn sie für andere eine Gefahr waren? Und warum waren sie überhaupt eine Gefahr? Die Antworten weiß ich wohl, doch sie sind – wenigstens das habe ich gelernt – so wenig erwünscht wie meine Sichtbarkeit. Am Ende läuft es auf die wirkliche Frage zurück: Wer bin ich überhaupt?

* Agnes Jurati, gespielt von Alison Pill, ist eine Wissenschaftlerin
in Startrek Pickard. Sie ist unscheinbar, unsicher, erst die Borg-Königin
erkennt in der dritten Staffel ihre Fähigkeiten und Außergewöhnlichkeit.

Einmal in der Woche, meistens am Samstagmorgen, fahren wir in die Stadt. Nur dort in diesem Laden an der Detmolder Straße, vor dem der große gelbe Hund steht, auf dem ein Schild das Hinaufklettern verbietet, gibt es Dunas Futter. Sie bestellen es extra für uns, 14 Dosen in der Woche, noch ein Stick extra geht mit, weil Duna nach einem Einkaufen eine Belohnung fürs Warten einfordert. Ich werde im Laden immer freundlich begrüßt, seit über einem Jahr geht das so, man kennt mich mit Namen. Stammkunde. „Ist noch genug da, Herr Böttchers, sonst gehe ich eben ins Lager?“ Ein Kissen für Dunas neues Bürokörbchen brauche ich noch. Es gibt heute 10% Rabatt, die Gutscheine bekomme ich aus der Zentrale zugeschickt. Doch gestern fiel mir zum ersten Mal auf, dass mich diese Ausflüge nervös machen, dass sich eine innere Unruhe einstellt. Eine gewisse Anspannung macht sich breit. Es war ein grauer und regnerischer Tag. Eher ein Muss als ein Wollen. Noch eben in die Mühlenstraße zum Marktplatz, Kaffee und Zucker für den nächsten Mittwoch vorbei bringen. Das Körbchen abstellen. Es gibt für mich wieder ein Büro, eine Pflicht, eine Schnittstelle zu anderen Menschen, ein Zentrum außerhalb der eigenen Wohnung. Gut so.

Irgendwie wühlte es in mir, als wir wieder auf die Schnellstraße abbogen, raus aus der Stadt. Ab dann kam keine Ampel mehr, mal ein Kreisverkehr, mal eine Vorfahrtsstraße. Mehr nicht. Nonstop zurück nach Hause. Menschen aus Hamburg oder Berlin würden Paderborn höchstens als eine Großstadt aus numerischen Gründen zulassen. Und doch ist es dort voll, dicht, die Straßen manchmal verstopft, schon wegen der Baustelle auf der Bahnhofstraße, an der neuen Brücke. Nach dem Abbiegen von der Schnellstraße, dem Autobahnzubringer, den Heinz Nixdorf gefordert und bekommen hat, sind nicht mehr viele Autos unterwegs. Stattdessen geht es zwischen Bäumen und Holzlagern weiter, die Straße ist kurvig und teils schmal, bis ins Dorf. Durch die Kurve im Almehang maximal im zweiten Gang. Hier im Dorf sind die Häuser höchstens zweistöckig, nur die Schule etwas höher, die Burg natürlich und St. Jodokus. Thomas kommt gerade mit Ben und Jeannie aus dem Almetal zurück, von der Hundirunde. Jeannie geht es nicht gut, sie hat einen Bandscheibenvorfall, man merkt Thomas den Kummer an. Die Küsterin ist auf ihrem Fahrrad auf dem Weg, wahrscheinlich zum Friedhof. Wenn ich mit Duna die Dorfrunde mache, heißt es oft „Guten Tag“ oder „Guten Abend“. Man grüßt sich hier, Leute, die nicht grüßen, sind hier nicht zuhause. In Paderborn grüßt man nur Leute, die man kennt. Wie den Bischof. Oder Eugen Drewermann. Oder Erwin Grosche.

Als ich weiter darüber nachdachte, wurde mir bewusst, dass ich zum Landei werde. Auch an diesem Morgen, ein Sonntag, nur ein paar Vögel zwitschern, ansonsten Stille und Geruhsamkeit, ist mir das Dorf der liebste Ort. Jahrzehnte lang war Paderborn mein Zuhause. Der Lärm, die Unruhe, die Betriebsamkeit normal. Jetzt, wo ich nicht mehr so schnell bin, ist das Dorf der rechte Ort. Mir fehlt der Uhrenschlag vom Kirchturm, wenn er um 21 Uhr das letzte Mal zu hören war. Hier, zwischen den uralten Natursteinmauern, sieht man sich noch gegenseitig, ist man ein Wesen, nicht ein Zufall. Das Dorf ist Balsam für die Seele, still, aber nicht tot, langsam, weil behutsam, begrenzt, aber nur als Menschenwerk. Es ist zugleich ein Zwiespalt, wie mein Leben es immer war. Die Ruhe und Gelassenheit hier, das tosende Leben dort. Die Wahl fällt schwer, doch das Dorf setzt sich immer mehr durch. Nur eins nervt: der fehlende Einstellplatz für mein Auto.

Max war ein Sprinter Spaniel, Hauptfigur eines Buches seines Herrchens und eine Berühmtheit im Lake District. Er wurde dadurch so bekannt, dass er half, mit Wohltätigkeitsaktionen sehr viel Geld zu sammeln, weshalb er sogar von der Queen ausgezeichnet wurde. Max The Wonder Dog war eine Prominenz im Lake District. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass Max einen Gehirntumor hatte. Heute meldete sich Mr Irving dazu.

„Ein Spaziergang in Thirlmere, bei dem viele Stöckchen gekaut wurden. Eine kurze Fahrt nach Stable Hills, um seine Pfoten zu waschen, dann hinunter zum Isthmus, einem weiteren seiner Lieblingsplätze, um etwas zu trinken und seine Pfoten zu waschen. Später ging Max in den Manesty-Wald, ich setzte mich unter die alten Eichen, Max lag auf meinen Knien, den Stock im Maul, er sah mich an und seine Augen sagten mir, dass es so weit war. Wir saßen eine Weile schweigend da, Paddy und Harry an seiner Seite. Wir beobachteten und lauschten den Geräuschen des Waldes. Es war an der Zeit. Wir sprachen unsere Worte, Harry leckte sich das Gesicht, und Paddy stand an meiner Seite und beobachtete mich. Ich fühlte eine solche innere Stärke, es war die schönste Zeit. Max schlief ein, es war so beruhigend, er war im Frieden und wir auch. Es war die Verabschiedung, die er zu Recht verdient hat. Ein perfekter Tag für einen perfekten Begleiter.“ (Original)

Solche Geschichten berühren mich tief. Darüber habe ich oft nachgedacht, warum das so ist, dass mir menschliche Schicksale wenig bedeuten. Die Antwort ist einfach. Tiere haben mich nie gekränkt, herabgewürdigt, verletzt oder belogen. Die Katzen Julie, Kasimir und Tinka, Lilly und Nero, Emmi und Carlo nicht, und Juna und Duna schon gar nicht. Sie gaben immer die Liebe, die ich von Menschen erwartet hätte. Darum gebührt ihnen eine Zuneigung, vielleicht sogar eine Liebe, die ich Menschen nur sehr selten zugestehen kann.

 

Der Frühling hält langsam Einzug. Auch wenn der heutige Tag eher etwas gräulich ist, mit einer hellgrauen Wolldecke über dem Dorf. Es ist still, keine Autos in den engen Sträßchen, nicht einmal auf der Hauptstraße. Nur ein paar aufgedrehte Spatzen turnen durch Brunos Garten. Duna döst noch vor sich hin, das macht sie fast immer nach dem Frühstück, so ist ihr Tagesablauf halt. Stille. Ruhe?

In solchen Momenten, ohne Termine, ohne Pläne, ziehen dann doch wieder die Jahrzehnte aus dem Gedächtnis vorbei. Sabine, Claudia, Barbara, Maria, Iris, Birgit, Ende im Gegenwärtigen. Was noch vor wenigen Jahren erstrebenswert erschien, eine Beziehung, ein true companion, ein Gegenstück, eine Ergänzung, ein Spiegel, hat seinen Reiz verloren. Ist überflüssig geworden. Wäre nur eine Last, eine ständige Herausforderung, wenn nicht Überforderung. Bin ich irgendwann zu statisch geworden für solche Geschichten? Wäre es nicht schöner, morgens neben jemandem aufzuwachen, mit ihm zu frühstücken, sich auszutauschen? Zuerst war ich geradezu erstaunt über mich selbst, als auf den Gedanken Beziehung die innere Antwort lautete: eher nicht. Doch mir erschloss sich zuerst nicht, wohin der Wunsch entkommen war, wohin er sich verflüchtigt hatte. Die Antwort versteckte sich im Badezimmer.

Mein BMI liegt deutlich unter normal, meine Gehgeschwindigkeit ist hoch. Doch der Verfall lässt sich nicht leugnen. Die Haut um die Augen und am Kinn wird schlaffer, manchmal vergesse ich Namen und grabe verzweifelt in meinem Gedächtnis, bis sie mir auf der Hunderunde zwischen Bäckerei und der Grundschule wieder aus dem Nichts einfallen. Tessa, zum Beispiel, der Dalmi eines früheren Kommilitonen. Die andere Seite ist, dass die Aufmerksamkeit für Details, Abweichungen, Schludrigkeiten immer feinsinniger wird. Doch mit dem eigenen Verfall, dem Schwund an Attraktivität, wächst die Selbstkritik. Auch an der eigenen, zunehmenden Fehlerhaftigkeit. Möchte ich mich so noch jemandem zumuten?

Wenn ich früher den Faden verloren hatte und nicht wusste, wohin mit mir, bin ich in die Riekenbank zu meinen Eltern gefahren. Dann saß mein Vater in diesem aufgeplusterten hellbraunen Sessel und las, abhängig von Tages- und Jahreszeit, ein Perry Rhodan-Heft oder die WAZ. Meine Mutter werkelte im Schlafzimmer an ihrer Nähmaschine oder stand in der Küche am Herd. Zwar waren meine Eltern nie das für mich, was Eltern sein sollten. Felsen in der Brandung, ein Quell der Liebe selbst in Krisenzeiten. Trotzdem war ich ein wenig aufgehoben dort. Nicht, dass mein Vater über nennenswerten Betrag an Empathie verfügte. Trotzdem waren sein eiskalter Blick auf die Realitäten und seine Gleichförmigkeit gelegentlich eine Hilfe. Seine Empathielosigkeit sogar eine mögliche Stärke. Für meine Mutter hatte ich mich inzwischen etwas hoch gearbeitet. War ich als kleines Kind noch eher ein Störfaktor, schon wegen der falschen Konfiguration zwischen den Beinen, so später wenigstens willkommener Besuch. Der nicht in seinem Wesentlichen maßgebend war, aber dem man seine Geschichten unterbreiten konnte. Das alles ist Vergangenheit. Und auch nicht.

Mein Vater starb im Sommer 2006. Bevor er uns gegen Mitternacht verließ, hatten wir am Abend gegen acht noch telefoniert. Selbst in der Gewissheit, dass er das Klinikum nicht lebend verlassen würde, war er wie immer, unemotional, sachlich bis aufs Blut. Nach den vielen Jahren bin ich, wenn nicht ein Felsen, so doch ein größerer Kiesel in den Wellen für meine Mutter. Der Briefe vom Energieversorger oder vom Finanzamt erklärt, die sie nicht versteht. Auch nicht, wenn ich sie erklärt habe. Die die Briefe alle verwahrt, weil sie Werbung von Ernstem nicht unterscheiden kann. Die geöffneten Umschläge in einer separaten Schachtel. Wahrscheinlich für den Fall dass. Ich verstehe sie nicht, kann ihre Gedanken nicht nachvollziehen, sie ist mir fremder als manche meiner Nachbarn. Sie fragt mich etwas, fällt mir Sekunden später ins Wort und erzählt wieder ihre eigenen Einfälle zu einem ganz anderen Thema. Mittlerweile fehlt mir jeder Bezug zu ihr.

Oft frage ich mich, was davon übrig geblieben ist, was ich mitgenommen habe. Mein Vater predigte immer Toleranz, Sachlichkeit und eine zuverlässige Distanz. Tatsächlich habe ich das übernommen, oft war es hilfreich, bis heute. Gerade im Job. Liebe konnte er nicht geben, aber absolute Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit. Das war wenigstens ein akzeptables Angebot. Wenn es jedoch einen Abgrund in meinem Leben gab, war es meine Mutter. In ihrer Konzentration auf nur sich, teilte sie im Grunde den Mangel an Empathie mit meinem Vater. Nur konnte sie es besser verbergen. Dabei war sie eine ziemlich miese Schauspielerin. All die Lieblosigkeit, die Erpressungen und sinnlosen Bestrafungen, nur um des Machtbeweises willen, sind mir bis heute fremd. Haben sich tief eingegraben und verletzt, so dass ich sie nicht mehr los werde und immer noch glaube, es sei alles meine Schuld. Dass die Wirklichkeit eine andere ist, ist mir wohl bewusst. Allein, mir fehlt der Glaube.

So steht dann die ungestellte Frage an meine Kinder im Raum, was ich hinterlassen haben werde. Aktuell möchte ich es aber nicht wissen. „Wahrheit, Wahrheit, alle wollen immer nur die Wahrheit. Aber vergesst nicht, dass die Wahrheit schrecklicher sein kann als die Lüge!“ (Maggie, die Katze, in Die Katze auf dem heißen Blechdach)